Landstern – Nominiert in der Kategorie „Mein Verein“

Trachten machen Leute



Das Schaumburger Land zählt zu den Hochburgen von Niedersachsens Trachtenlandschaft, fast nirgendwo wurde so lange Punzmütze, Hälschen und Hanschen getragen. Dass diese Tradition nicht in Vergessenheit gerät, hat sich die „Trachtengruppe Lindhorst e.V.“ zur Aufgabe gemacht.

In der Festtagstracht führt der Verein Volkstänze auf. Werner Bremer (Zweiter von links), Heide Kutil trägt die Alltagstracht (Mitte) ebenso wie Ehemann Klaus Kutil (Dritter von rechts).

In der Festtagstracht führt der Verein Volkstänze auf. Werner Bremer (Zweiter von links), Heide Kutil trägt die Alltagstracht (Mitte) ebenso wie Ehemann Klaus Kutil (Dritter von rechts).

Willkommen im „Land der roten Röcke“ – nein, ich bin nicht in einer Zeitkapsel ins 17. Jahrhundert nach Großbritannien gereist, sondern ins Schaumburger Land zur „Trachtengruppe Lindhorst e.V.“. Und ein besonderes Merkmal der Oesterten-Tracht (heißt so, weil sie östlich von Stadthagen getragen wurde) sind Frauen in roten Wollröcken - mit edelsten Stickereien, Mustern und aufwändigsten Kopfbedeckungen.

„In der Vogelwelt sind die Männchen die Hübschen, wir lassen unseren Frauen den Vortritt, sie sollen strahlen“, erklärt Klaus Kutil, der 20 Jahre Vorsitzender des Vereins war, und schmunzelt. Seit 1936 setzt sich der Verein für den Erhalt der Trachtenmode und altes Brauchtum ein - sie möchten die Geschichte lebendig halten und das Erbe ihrer Vorfahren bewahren. Welches noch gar nicht lange zurückliegt, denn bis in die 90er Jahre sah man noch regelmäßig Frauen in Tracht im Schaumburger Land auf der Straße und im Alltag.



Sieben Kilo auf dem Kopf


„Die Oesterten-Tracht setzt sich aus vielen Trachten für verschiedene Anlässe zusammen. Es beginnt mit der Tauftracht, gefolgt von der Kindertracht, Abendmahlstracht, Hochzeitstracht, Alltagstracht, Festtagstracht und noch weiteren“, erklärt Ehrenvorsitzender Werner Bremer. 13 Jahre war er Vorsitzender, seit insgesamt 50 Jahren ist er dabei. Obwohl er erst die Nase rümpfte, als seine Frau damals sagte, sie würde nun bei der Trachtengruppe mitmachen. „Dann bin ich aber mitgegangen und geblieben – bis heute“, gesteht der Rentner lachend. So kennt er sich mit den unzähligen Besonderheiten der einzelnen Kleidungsstücke sehr gut aus.
Besonders imposant ist die Hochzeitstracht der Braut. Die Basis besteht aus der schwarzen Abendmahlstracht, die mit zahlreichen Elementen ergänzt wird. So trägt sie auf dem Kopf einen opulenten Kranz mit Glaskugeln aus Schlesien und Spiegeln, die das Böse abwenden sollen. Dazu hängen lange goldfarbenen Tressen (Bänder) vom Kranz. „Sieben Kilo wiegt das alles, ist wahrlich nicht leicht“, erklärt Werner Bremer. Ein weiterer Superlativ: „Das Hälschen, der weiße Kragen, der nach jedem Tragen wieder aufgebügelt werden muss, ist ausgebreitet 4,5 Meter lang.“ Abgerundet wird das Outfit durch die bestickte Seidenschürze und den Schmuck, den der Mann seiner Frau zur Hochzeit geschenkt hat. „Daran konnte man ablesen, wie wohlhabend der Bräutigam war.“ Auf der Brustspange sind außerdem die Initialen der Braut und das Hochzeitsdatum eingraviert. Eine Tracht verrät also so einiges über ihren Träger, auch bestimmte Farben geben Einblicke. „Wenn eine Frau lila trug, gab es einen Trauerfall in der Familie“, erklärt der 75-Jährige.
Doch woher bekommt man solche einzigartige Trachten heute überhaupt noch? „Das sind alles Originale“, erklärt Klaus Kutil. „Sie wurden über Jahre in Familien vererbt und vielfach melden sich die Leute bei uns, wenn die Verwandten versterben.“ So hat der Verein viele außergewöhnliche Festtagstrachten sammeln können. Wie schon der Name verrät, wurden sie zu besonderen Anlässen getragen. Bei der Festtagstracht wird der rote Rock, der am Ende mit einem bunten Band besetzt ist, zum größten Teil mit einer im Sparstich bestickten Schürze aus Altasseide verdeckt. „Keine Schürze gleicht der anderen, jede ist ein Unikat“, weiß Werner Bremer. Neben der kurzärmeligen Jacke bedecken Hanschen, eine Art Stulpen aus weißem oder farbigem Garn, mit und ohne Perlen, die Arme. Und natürlich darf Frau nicht oben ohne gehen – eine schwarze Punzmütze aus Seidenband, circa 15 Zentimeter hoch, wird fingerbreit über den Augenbrauen aufgesetzt und mit zwei Bändern unterm Kinn gebunden.


Hochzeitstracht: So pompös trat eine Frau früher vor den Altar.

Hochzeitstracht: So pompös trat eine Frau früher vor den Altar.


Schneider waren Männer


Die Festtagstracht der Männer ist dagegen sehr viel schlichter – schwarze Tuchhose, eine jankerähnliche bestickte Samt-, Seiden- oder Wollstoffjacke, worüber ein langer, weißer Leinenkittel aus Flachs gehört. Das Aufwändigste sind hier die handgemachten Knöpfe und die Fellmütze. Trotzdem fällt den Herren der Schöpfung eine wichtige Rolle zu, denn sie waren es, die früher die Trachten geschneidert haben. Heute bessern drei Frauen im Verein kaputte Nähte aus oder flicken, wenn mal etwas bei einem der unzähligen Auftritte gerissen ist. Denn die Vereinsmittglieder treffen sich nicht nur jeden Mittwoch zum Üben von „Achtourigen“, Volkstänze aus der Region, mit ihrem Tanzlehrer, sondern treten auch regelmäßig mit den Tänzen in Tracht auf. In Schweden, den USA, Frankreich, Dänemark, Irland, um nur einige zu nennen, standen sie schon auf der Bühne. Als nächstes geht es dieses Jahr nach Polen zu einem internationalen Folklore Festival.
Rund 30 Leute, „immer die, die gerade Zeit und Lust haben“, so Kutil, fahren mit zu den Auftritten. Insgesamt hat der Verein momentan 260 Mitglieder, wovon 25 Kids und Jugendliche zur Kindergruppe gehören. „Nachwuchssorgen haben wir nicht“, erklärt der 62-Jährige. „Alle werden von Anfang an mit eingebunden.“

So wurden die Kleinsten auch involviert, als sie ihr einzigartiges Mehrzweck-Backhaus auf dem Traditionshof der Familie Brunkhorst auf Eichhöfe mit viel Eigenleistung errichtet haben. „Zuerst haben wir ein altes Fachwerk in Antendorf abgetragen, um es gemeisam mit unserem restaurierten alten Backofen wieder hier aufzubauen. Beim Innenausbau haben wir Kinder eingeladen, die dann mit uns den Lehm verputzen durften“, erzählt Klaus Kutil. Seit 2011 ist das Fachwerkhaus fertig, sodass regelmäßig das Feuer im großen Ofen an Backtagen lodert, Feste gefeiert und außerdem auch geheiratet werden kann. Seine Frau Heide Kutil ergänzt: „Unsere Tochter war 2012 die erste, die hier im Backhaus ‚Ja‘ zu unserem Schwiegersohn gesagt hat.“

Corinna Mayer