Landstern – Nominiert in der Kategorie „Stark für die Landwirtschaft“

„Kiek in“ den Hähnchenstall



Für Landwirt Stefan Teepker aus Handrup im Landkreis Emsland gehört Öffentlichkeitsarbeit zum Job. Um seine Arbeit für Verbraucher transparent zu machen, hat der LANDStern-Kandidat die „Kiek in-Box“ gebaut.

Blickpunkt und Besuchermagnet: Stefan Teepker vor dem holzverkleideten Besucherraum in Freren.

Blickpunkt und Besuchermagnet: Stefan Teepker vor dem holzverkleideten Besucherraum in Freren.

Ganz oder gar nicht: 365 Tage im Jahr ist der mit Holz verkleidete Raum Tag und Nacht geöffnet. Dass die Tür für jeden offen steht, signalisiert das große, auffällige Schild mit der Aufschrift „Kiek in-Box“. Vor allem sonntags nehmen Radler und Fußgänger die Aufforderung wörtlich und schauen herein. Vor etwa einem Jahr hat Stefan Teepker seine Idee in die Tat umgesetzt und den Besucherraum gebaut, der sich direkt an die Längsseite des Hähnchenstalls mit fast 30.000 Tieren anschließt. Ein großes Fenster ermöglicht Besuchern ungehindert den Blick in den Stall. „Jede Woche hänge ich ein Schild auf, das die Besucher über den aktuellen Mastdurchgang, das Alter und Gewicht der Tiere aufklärt. Ich erkläre ihnen damit auch einige Details, zum Beispiel warum das Gefieder zu manchem Zeitpunkt gerupft aussieht“, berichtet Stefan Teepker.

Er will nicht nur das Image der Branche verbessern, sondern auch Bildungsarbeit in punkto Landwirtschaft leisten. Dass diese in den vergangenen Jahrzehnten versäumt wurde, davon ist er überzeugt. Als sich eine Bürgerinitiative gebildet hatte, um den Bau von acht neuen Hähnchenställen zu verhindern, entschied sich Teepker, zu handeln. Angefangen hat alles mit seiner Seite im sozialen Netzwerk „Facebook“. Der 37-Jährige hatte es satt, dass bei Diskussionen über die Tierhaltung jeder mitreden wollte, ohne jemals einen Blick in einen Stall geworfen zu haben. Unter Bildern aus dem Stall, die Teepker online veröffentlichte, häuften sich Kommentare wie: „Das ist doch nur Fake!“ oder: „Da hast du dir bloß ein gesundes Tier rausgepickt.“ „Ich wollte, dass auch die Menschen sich einen Eindruck verschaffen können, die sich niemals für einen Besuch anmelden würden, sondern anonym bleiben wollen“, so der vierfache Vater.



Die Realität abbilden


Den Bau des 26 Quadratmeter großen Besucherraums realisierte er gemeinsam mit seinen Geschäftspartnern. Mit drei anderen Familien aus der Gegend betreibt er die Hähnchenmast an drei verschiedenen Standorten. Insgesamt 458.000 Hähnchen werden gemästet. Der Standort der „Kiek in-Box“ ist in Freren, einer Nachbargemeinde von Handrup, wo neben dem Stall mit der Besucherbox noch drei weitere Ställe stehen.
Um den Besucherraum aufzuwerten und Menschen an sein Unternehmen zu binden, hat Teepker in einen Regiomat investiert. An dem Automat, der regelmäßig neu bestückt wird, können Besucher sich eine Packung Eier aus der Nachbarschaft, Hähnchenfleisch von Teepkers Abnehmer, Kartoffeln und Getränke kaufen.
Zum Inventar gehört neben vielen Schautafeln mit Informationen zur Geflügelmast auch ein Teil der Stalleinrichtung. „Die Futter- und Tränkelinien haben wir hier extra nochmal ausgestellt, genauso wie eine Übersicht von Futtersorten und Einstreu. Die Leute sollen wissen, was in dem Stall ist und wie die Tiere versorgt werden“, verrät Teepker seine Devise, während er sich in der „Kiek in-Box“ um die eigene Achse dreht.
Damit auch kleine Kinder einen Blick auf die Tiere in dem konventionellen Maststall erhaschen können, hat er vor dem großen Fenster eine Sitzbank montiert. Aber nicht alles spielt sich anonym ab. Nach wie vor empfängt der junge Betriebsleiter Besuchergruppen, vor allem Schüler. „Im Durchschnitt führe ich jeden Monat zwei bis vier Gruppen durch den Stall, vor den Ferien etwa doppelt so viel“, erzählt Teepker, der verschiedene landwirtschaftliche Bildungsprojekte unterstützt, wie beispielweise das Wissenschafts- und Informationszentrum für nachhaltige Geflügelwirtschaft (WING) in Vechta.


Durchblick: Das Geschehen im Hähnchenstall können die Gäste durch ein großes Fenster von der Besucherbox aus verfolgen. Dort steht auch der gut gefüllte Regiomat.

Durchblick: Das Geschehen im Hähnchenstall können die Gäste durch ein großes Fenster von der Besucherbox aus verfolgen. Dort steht auch der gut gefüllte Regiomat.


Wunschbox für Gäste


Das Interesse der Menschen an dem Raum hat auch nach einem Jahr noch nicht abgenommen. Vor allem während der Ferien und an den Wochenenden ist die Frequenz hoch. „Wir hatten noch keinen Sonntag weniger als 80 Besucher“, beteuert Stefan Teepker. Die Aufenthaltsdauer liege meist bei etwa zehn Minuten. Woher er das weiß? Jedes Mal, wenn Gäste den Raum betreten, erhält er per Smartphone eine Meldung.
Obwohl bei der „Kiek in-Box“ bisher noch keine Probleme mit Vandalismus aufgetreten sind, hat er zur Sicherheit Kameras installieren lassen, denn auch nachts wird der Raum betreten.

„Es kommt schon mal vor, dass eine Gruppe Jugendlicher auf dem Weg vom Schützenfest nach Hause hier Halt macht und ein paar Getränke am Automaten kauft“, erinnert sich Teepker lachend an manch überraschende Begegnung. Der Raum werde aber in der Regel genauso ordentlich hinterlassen, wie er vorgefunden wurde.
Manche Gäste schreiben Nachrichten an den Landwirt. „Dafür gibt es unsere Wunschbox“, sagt er und zeigt auf einen Kasten an der Wand. Feedback über die „Kiek in-Box“, die Tierhaltung oder Vorschläge zur Verbesserung befänden sich darin häufig.
Die Vorschläge hat Teepker zum Teil auch schon umgesetzt. Eine E-Bike-Ladestation und die Sitzbänke draußen vor der Besucherbox waren Vorschläge der Gäste. Seine Berufskollegen versucht Stefan Teepker mit seinen Ideen zu motivieren. „Wir bekommen für unsere Umsetzung viel Lob, aber es gibt auch etliche andere Dinge im kleineren Rahmen, die man tun kann, um den Menschen die Landwirtschaft näher zu bringen“, ist er sich sicher.


Friederike Husmann