Landstern – Nominiert in der Kategorie „Mein Verein“

Damit sich das Rad noch lange weiter dreht



Lange bestand für die große Ruine der Wassermühle Karoxbostel im Landkreis Harburg keine Hoffnung mehr. Bis sich unser LANDStern-Kandidat um das Denkmal-Ensemble kümmerte - und es zu einem wahren Schmuckstück herausputzte.

Tolles Engagement: Jeden Samstag kommen rund 50 Helfer zum „Putz“ an der Wassermühle.

Tolles Engagement: Jeden Samstag kommen rund 50 Helfer zum „Putz“ an der Wassermühle.

Samstagvormittag, 10 Uhr: Mehr als fünfzig Männer und Frauen greifen zu Hammer, Säge, Bohrmaschine, Pinsel und Putzlappen: Sie sind Mitglieder des Fördervereins Wassermühle Karoxbostel und bringen ehrenamtlich das denkmalgeschützte Anwesen auf Vordermann. Die Arbeitseinsätze, in denen jeder seine Talente einbringt, sind einmal wöchentlich. „Ohne die Hilfe der Bürger, Handwerksbetriebe und Sponsoren würde es die Mühle heute nicht mehr geben“, sagt die Vorsitzende Emily Weede.

„Als wir unseren Verein im Februar 2012 gegründet haben, waren das hier alles Ruinen. Selbst der Kreisdenkmalspfleger sah angesichts der eingestürzten Mauern und der zerlöcherten Dächer keine Chance für eine Rettung.“ Doch damit wollten sich die Dorfbewohner nicht abfinden. Schließlich prägt die Mühle bereits seit Jahrhunderten ihren Ort. Der Mühlenverein kaufte das Hof-Ensemble im Mai 2012 für 111.000 Euro. „Wir mussten zwei Wochen nach unserer Vereinsgründung ein verbindliches Kaufangebot abgeben. Trotz der kurzen Zeit haben wir das Geld zusammen bekommen“, sagt Emily Weede. Mit ihrer Tatkraft mobilisierten sie Menschen in ganz Deutschland und sogar im Ausland. Heute sind sich alle einig: „Hier wurde ein Märchen wahr!“


Inzwischen stellen die mehr als 1.000 Mitglieder in Karoxbostel den größten Mühlenverein in Deutschland. Das Wohnhaus des Müllers mit seinem gewaltigen Reetdach erstrahlt in neuem Glanz und wird wieder beheizt. Bei Veranstaltungen rumpelt das Mühlrad und mahlt aus Bio-Getreide Schrot und feines Mehl. Auch die Sägerei mit dem seltenen Venezianischen Gatter ist wieder in Betrieb. Müllermeister Franz Rosenkranz hat inzwischen 15 Freiwillige Müller ausgebildet. Im erst kürzlich sanierten ehemaligen Schweinestall gibt es einen Gruppenraum und eine Werkstatt. Aus dem Lehmofen im Backhaus kommen das leckere Mühlenbrot und der Butterkuchen.


Eingestürzte Mauern, zerlöcherte Dächer – lange sah es so aus, als sei die Mühle nicht mehr zu retten.

Eingestürzte Mauern, zerlöcherte Dächer – lange sah es so aus, als sei die Mühle nicht mehr zu retten.

„Die Karoxbosteler Mühlenretter haben aus einem total heruntergekommenen Denkmal-Ensemble einen lebendigen Ort der Begegnung gemacht“, würdigte der Oberkonservator des Landesamtes für Denkmalpflege, Dr. Klaus Püttmann, bei der Feier anlässlich des 200-jährigen Bestehens des Anwesens. Die Nutzung eines denkmalgeschützten Gebäudes sei oftmals ein Problem. In Karoxbostel gebe es davon hingegen einen „ganzen Strauß“: Auf dem Mühlengelände finden Projekte für Schüler, Konzerte, Theaterabende, Lesungen, Führungen, Vorträge, Feiern und standesamtliche Trauungen statt. Hochkarätige Musiker, Chöre, Autoren und Referenten treten umsonst auf.

„Was würde es die Gemeinde wohl kosten, wenn sie für diese vielfältigen Aktivitäten ein neues Zentrum bauen müsste?“, fragte Dr. Püttmann. „Menschen aller Altersstufen, auch mit Handicap, kommen an diesem Ort gern zusammen. Denn in dieser einzigartigen, urigen Atmosphäre können sie kreativ sein und Atem holen.“
Wie zu den Blütezeiten der Mühle gibt es auch wieder Tiere. Die Bienen lieferten bereits den ersten Honig, auf dem Mühlenteich schwimmen Gänse und 20 Hühner scharren im Sand. „Wir haben die verschiedensten Rassen, die Färbung ihrer Eier reicht von weiß über dunkelrot bis grüngrau“, informiert Emily Weede. Die Frauen und der Mann der Hühnergruppe sorgen täglich für frisches Futter, Wasser und einen sauberen Stall. Und was passiert mit den Eiern? „Die schlagen wir gleich in die Pfanne, denn die Arbeit in der Mühle macht hungrig“, sagt Emily Weede. Das wissen auch die anderen Mühlenretter: Sie bringen zur Stärkung selbst gebackenen Kuchen, belegte Brote mit Kräuterquark und Apfeltorte vorbei. Die leckeren Spenden stehen auf einem Tisch, jeder Helfer kann zugreifen. Auch Kaffee wird gern nachgeschenkt.
„Am schönsten ist hier die tolle Gemeinschaft“, meint Gabriele Schwedewsky. „Wir sehen, was wir schaffen und das beflügelt zum Weitermachen. Hier bekommen wir alle gute Laune.“ Die hauptberufliche Mächenerzählerin hat alte Steine abgeklopft und gesäubert, im Garten das Unkraut gejätet und neue Blumen gepflanzt. Jetzt deckt sie gerade den Tisch im Mühlencafé mit dem guten Porzellan. Hartmut Best hat mit seiner Tischlerei in Stelle viel zu tun. Trotzdem ist er sonnabends bei den Arbeitseinsätzen an der Mühle gern dabei. Voller Stolz zeigt er auf den neuen Fußboden in der Mühle: „Den habe ich verlegt, und auch die Holztreppe und das Geländer sind von mir!“

Christa-Maria Brockmann