Landstern – Nominiert in der Kategorie „Stark für das Dorf“

Drei Orte, viele Ideen, eine Zukunft



Eine Idee – egal, wie gut sie auch ist - bleibt nur eine Idee, wenn es niemanden gibt, der sie umsetzt. Mit Ideen einzelner, dem Einsatz vieler, das Leben aller möglichst zu verbessern – das hat sich die Dorfgemeinschaft Flegessen, Hasperde und Klein Süntel zu ihrer Aufgabe gemacht. „Wir fühlen uns wohl in unseren Ideen“, sagt Inse Brandes, die das Hofcafé in Flegessen betreibt und sich nur allzu gerne in der vor sechs Jahren ins Leben gerufenen „Ideenwerkstatt Dorfzukunft“ engagiert.

Engagieren sich: Tanja Kühn, Sabine Dörbaum, Inse Brandes und Beatrix Nehmann (v.l.)

Engagieren sich: Tanja Kühn, Sabine Dörbaum, Inse Brandes und Beatrix Nehmann (v.l.)

Damals drohte die Schließung der Grundschule in Flegessen, es galt die Nahversorgung sicherzustellen, Leerstand in den Orten zu vermeiden. Gerade in einer Zeit, „in der viele die Stadt dem Leben auf dem Land vorziehen“, wie Inse Brandes sagt, waren die Sorgen konkret. Spricht man mit ihr, Beatrix Nehmann, Sabine Dörbaum und Tanja Kühn, wird deutlich: Abseits des eigenen Antriebs ergänzt man sich gern mit anderen Vereinen, doch sieht sich selbst nicht wie ein Verein im gewohnten Sinne. Es gebe einen Vorstand, doch der erfülle eher den rechtlichen Rahmen, erklärt Inse Brandes. Mitglieder zahlen Spenden, keinen festen Beitrag. „Uns ist wichtig, dass es keine Hierarchie gibt“. Jeder darf mitmachen, jeder darf sich trauen, Ideen für die Dorfzukunft laut zu äußern.



Nicht nur Großprojekte


Wenn, dann nur gemeinsam: Und so erinnern sich die Frauen mit Begeisterung an das erste kreative Zusammenkommen im Jahr 2012 in der Kulturscheune des Hofcafés in der Gülichstraße. 120 Personen aus den drei Orten waren gekommen: Zwölf Tische, sechs Themen, Ideen spinnen - in sechs Runden, nicht länger als zehn Minuten. Was fehlt uns in unseren Dörfern? Was sind unsere Träume und Wünsche für die Zukunft? Am Ende standen knapp 80 Projektvorschläge im Raum, die seitdem in kleinen Gruppen nach und nach weiterverfolgt wurden. Plötzlich traf man sich mit Anwohnern, mit denen man vorher nicht viel zu tun hatte. Und so saß etwa Tanja Kühn bei ihrer alten Lehrerin im Wohnzimmer. „Man bekommt Einlass bei den Menschen“, fasst es Inse Brandes zusammen. „Diese Gemeinschaftlichkeit stärkt aber auch jeden Einzelnen“, fügt sie hinzu. „Dann traut sich auch jemand, den Stand eines Projekts zusammenzufassen, der das vorher nicht tat.“ Bei der „Ideenwerkstatt“ gehe es viel um die Wertschätzung des Einzelnen.
Die Liste der umgesetzten Projekte ist lang – und umfasst nicht nur Großprojekte: Gleich nach dem ersten Treffen schaffte man es, dass jeder der drei Orte vom Brötchendienst versorgt wird. Mittlerweile gibt es etwa eine Mitfahrzentrale und das „Süntelblatt“, in dem auch Anwohner, die nicht das Internet nutzen, informiert werden. Außerdem ein Dorfkino, eine Film AG und eine gemeinwohlorientierte Immobilienvermittlung. Zudem wurden an einigen Stellen Stelen mit der entsprechenden Historie zu den Orten aufgestellt.
Eine Stele steht vor dem neuen Dorfladen, dem „Süntellädchen“. Mitte Juli 2015 wurde der achteckige Bau eröffnet und ist mittlerweile Treffpunkt der Dorfbewohner, schwärmen die Frauen. Früh sei allen bewusst gewesen, sagt Beatrix Nehmann, dass eine lokale Einkaufsstätte für das Dorfleben unverzichtbar sei. Mit Hilfe einer eigens hierfür gegründeten gemeinwohlorientierten Gesellschaft wurde 2014 ein Grundstück gekauft. In weniger als einem Jahr wurde ein Gebäude aus Holz, Stroh und Lehm gebaut. Ohne Fördergelder, sondern nur durch die finanzielle Beteiligung von 270 Bürgern und mit einem Bankdarlehen.


Ein Projekt der Ideenwerkstatt sind die aufgestellten Stelen mit Infotafeln. Sie beinhalten Wissenswertes über historische oder besondere Gebäude, wie den achteckigen Dorfladen.

Ein Projekt der Ideenwerkstatt sind die aufgestellten Stelen mit Infotafeln. Sie beinhalten Wissenswertes über historische oder besondere Gebäude, wie den achteckigen Dorfladen.


Jeder wird selbst aktiv


Auch zweieinhalb Jahre nach der Eröffnung sind die Inhaber und Nutzer des Ladens zufrieden. Der ehrenamtliche Betrieb erfordere den Einsatz vieler Mitglieder, erzählt Inse Brandes. Noch nie sei eine Schicht im Dienstplan unbesetzt geblieben. Im Laden gibt es Frisches regionaler Erzeuger, im Trockensortiment Ware von Bio-Anbauverbänden. In Konkurrenz zum Bäcker, Schlachter und Getränkelieferant in den Orten will man nicht treten. Bewusst habe man auf deren Hauptsortiment verzichtet.

Wer als Gast im Laden einkauft, der zahlt ein wenig mehr als die Mitglieder, die mit zehn Euro im Monat und ihrer Mithilfe das Fortbestehen sichern. „Eine Mitgliedschaft rechnet sich ab einem Einkaufswert von rund 70 Euro im Monat“, erklärt Beatrix Nehmann. Ihre Erfahrungen tragen sie im Dorfladennetzwerk gerne auch in andere Gemeinden.
Seit Beginn der „Ideenwerkstatt“ wurden mehr als 30 Ideen umgesetzt. Rund 340 Menschen haben sich beteiligt. Ein Ende ist nicht in Sicht. „Plötzlich gründet einer eine WhatsApp-Gruppe für spontane Mitfahrgelegenheiten und schon wird ein neues Projekt gestartet“, sagt Tanja Kühn. Die „Ideenwerkstatt“ ist sich aber nicht zu schade, Rat von anderen einzuholen. So wurde bereits der Dorfforscher Gerhard Henkel und der emeritierte Göttinger Hirnforscher Gerald Hüther eingeladen. Gemeinsam diskutierten sie das Vorgehen für die Zukunft. Für Hüther ist die „Ideenwerkstatt Dorfzukunft“ ein Vorbild für eine „Potentialentfaltungsgemeinschaft“. Honoriert wurde der Einsatz in den Orten bereits mehrfach: etwa als „Ausgezeichneter Ort im Land der Ideen“ und als „Kerniges Dorf“.
Nach dreijähriger Planungsphase steht fest: Das damalige Pfarrhaus wird in Gemeinschaft gekauft, saniert und ausgebaut. In einem Teil sollen Wohnungen entstehen, der andere Teil steht künftig der Gemeinschaft zur Verfügung. Über all dem Engagement schwebt noch immer die Frage: Wie sehen die Dörfer im Jahr 2030 aus? Die Ideen sind da, erzählen die Frauen: Eine Dorfsauna, ein Naturbadeteich, eine eigene Energieversorgung, selbst produzierte Lebensmittel. In Flegessen, Hasperde und Klein Süntel scheinen solche Ziele nicht weit weg. Denn dort wird aus Ideen Wirklichkeit.

Felix Klabe