Landstern – Nominiert in der Kategorie „Stark für die Landwirtschaft“

Anteil haben am Dorfmittelpunkt



Es ist ein langsames Sterben - Kneipen in der Stadt und auf dem Land verschwinden fast unbemerkt. Der Bürgerverein Neustadt-Rönnelmoor e.V. in Ovelgönne im Landkreis Wesermarsch hat mit der Gründung einer Genossenschaft seine traditionelle Landgaststätte gerettet.

Mitglieder der ersten Stunde: Harald Meyer, Bärbel Wulff und Helmut Diers (v.l.).

Mitglieder der ersten Stunde: Harald Meyer, Bärbel Wulff und Helmut Diers (v.l.).

Hell erleuchtet sind die Fenster des weiß verputzten Gebäudes. Auf dem Schild über der Eingangstür prangt in großen Lettern „Neustädter Hof“. Aus drei Richtungen erreichen Autos den weitläufigen Parkplatz neben dem Haus direkt an der Landstraße. Die Ankommenden sind Teilnehmer einer Fortbildungsveranstaltung des örtlichen Landhandels. Lange haben sie damit gerechnet, in Zukunft viele Kilometer zurücklegen zu müssen, um einen passenden Veranstaltungsort zu erreichen.

„In letzter Sekunde konnten wir unsere einzige, noch verbliebene Gastwirtschaft retten“, berichtet Helmut Diers, Vorsitzender des Bürgervereins Neustadt-Rönnelmoor. Nach dem plötzlichen Tod des Wirtes gelang es seiner Witwe nicht, das Lokal gewinnbringend weiterzuführen und sie schloss es 2008. Der Neustädter Hof, ausgestattet mit Saal, Gaststätte, Kegelbahn, Clubzimmer und Kiosk stand kurz vor dem Verkauf. Für den Bürgerverein war der Gedanke, dass die Einwohner der Ortsteile Neustadt und Colmar zukünftig keinen Treffpunkt mehr haben sollten, unvorstellbar. „Wir entschlossen uns kurzerhand, das Thema mit auf unsere Tagesordnung zu setzen“, erinnert sich Diers, der das Gasthaus auch seit Jahrzehnten für die Versammlungen und Veranstaltungen des Bürgervereins genutzt hatte.



Treffpunkt für alle


Rund 300 der insgesamt 350 Vereinsmitglieder waren dabei, als es um die Rettung des Neustädter Hofes ging. Die Lösung fanden sie in Nordrhein-Westfalen. „Es gab da eine Infoveranstaltung über ein Projekt zur Rettung des Dorfladens nach dem Genossenschaftsprinzip“, erzählt Diers, der sich damals mit einigen Mitstreitern, auf Empfehlung des Bürgermeisters der Gemeinde Ovelgönne, auf den Weg machte.
Nach dem Treffen bildeten sie eine Arbeitsgruppe, holten Steuerberater und Banker mit ins Boot und erstellten ein Konzept zur Genossenschaftsgründung und Erhaltung der Gaststätte. Das Konzept sah den Kauf und die Renovierung der Kneipe durch die Genossenschaft vor. „Auf der ersten Bürgerveranstaltung war der Saal rappelvoll“, so Diers. Das erklärte Ziel: „Bis zum 29. Februar 2012 müssen 50.000 Euro auf dem Konto sein.“
Der heute 67-Jährige wurde auf der Gründungsversammlung zum Aufsichtsratsvorsitzenden gewählt. Knapp 300 Anteilseigner beteiligten sich an der Kneipenrettung, Unterstützung kam auch von der Gemeinde und der Kirche. „Wir haben damals spontan 65.000 Euro zusammen gekriegt und jeder kann heute noch Genossenschaftsanteile für je 100 Euro erwerben“, berichtet Diers lächelnd.
Im Januar 2013 wurde die Genossenschaft mit dem Namen „Dorfgemeinschaftshaus Neustadt e.G.“ Eigentümerin des Neustädter Hofs. Die ehemalige Dorfkneipe ist zu einem Treffpunkt für alle geworden. Jugendgruppen, Vereine, Feuerwehr und Unternehmen nutzen sie als Stammlokal. Sogar Hochzeiten, Geburtstage und öffentliche Partys werden in dem charmanten Saal mit der gewölbten Decke und den aparten Kronleuchtern gefeiert. Meistens wird ein Caterer für die Versorgung engagiert. Eine große Küche gibt es nicht mehr. Weil das Geld aus den Genossenschaftsanteilen für den Kauf und die dringend nötigen Renovierungsarbeiten nicht gereicht hat, zapften die findigen Mitglieder weitere Quellen an. „Wir haben damals auch Fördermittel aus dem Leader-Programm ‚Wesermarsch in Bewegung‘ beantragt und bewilligt bekommen und ein Darlehen bei der Bank aufgenommen“, erzählt Bärbel Wulff, Mitglied des Aufsichtsrates und von Beginn an dabei.


Voll funktionstüchtig: Die Kegelbahnen in der ehemaligen Gaststätte werden vom Kegelclub genutzt.

Voll funktionstüchtig: Die Kegelbahnen in der ehemaligen Gaststätte werden vom Kegelclub genutzt.


Noch viel zu tun


Die umfangreichen Renovierungsarbeiten realisierten die Mitglieder der Genossenschaft zum größten Teil selbst. Für den Saal polsterten sie 180 Stühle innerhalb einer Woche. „Da wurde stramm durchgezogen“, erinnert sich Wulff. Für das Leader-Programm Wesermarsch ist das Projekt „Dorfgemeinschaftshaus Neustädter Hof“ beispielhaft für bürgerliches Engagement. So durfte sich die Genossenschaft über den Bürgerpreis der Volks- und Raiffeisenbanken Weser Ems und über den zweiten Platz im Wettbewerb „Gemeinsam stark sein“ freuen, der ihnen während der Grünen Woche 2017 in Berlin verliehen wurde.

Während Bürgerstube und Clubzimmer bereits fertig renoviert sind, stehen den Mitgliedern andere wichtige Arbeiten noch bevor. „Der Saal ist bisher nur zum Teil renoviert – da soll die Holzvertäfelung an der einen Seite noch weg“, bemerkt Helmut Diers mit Blick auf die Fensterfront. Dafür müsse der gut gebuchte Saal aber nochmal ein paar Wochen geschlossen werden.
Die Kegelbahnen sind voll funktionstüchtig und werden „von einigen Kegelvereinen auch regelmäßig genutzt“, weiß Bärbel Wulff. Durch die Raummieten für die verschiedenen Räume und die renovierte Wohnung im Obergeschoss können die laufenden Kosten gedeckt werden, ein Sorgenkind aber bleibt der Dorfladen. „Der Pächter hat es leider nach gut zwei Jahren wieder drangegeben“, bedauert Diers, ist aber zuversichtlich, dass es beim nächsten Mal besser klappt. Weil es in Neustadt nur noch einen Bäcker gibt und die nächste Möglichkeit, Lebensmittel zu kaufen, mehrere Kilometer entfernt ist, soll der kleine Laden der Grundversorgung dienen. „Wir hoffen, dass vor allem die Älteren sich dann den weiten Weg sparen können“, erklärt er voll Optimismus.
Stolz auf das, was die Bürger des Örtchens auf die Beine gestellt haben, ist er sowieso, denn wo sonst gibt es noch „Die kleine Kneipe an unserer Straße“, die Peter Alexander in seinem Lied so zärtlich besingt.

Friederike Husmann