Landstern – Nominiert in der Kategorie „Stark für die Landwirtschaft“

Ungewöhnlich unkonventionell



Als er 1982 anfing, galt er als Visionär. Bis heute entwickelt Jochen Kulow aus Luckau im Wendland seinen Biolandhof ständig weiter und tritt nun mit seinem modernen Betrieb in der Kategorie „Stark für die Landwirtschaft“ an.

Lieblingsplatz: Die Schweine von Jochen Kulow wühlen und toben am liebsten in dem mit Stroh eingestreuten Ausläufen herum.

Lieblingsplatz: Die Schweine von Jochen Kulow wühlen und toben am liebsten in dem mit Stroh eingestreuten Ausläufen herum.

Munter flitzen zwei Schweine durch die offene Luke von ihrem Nest in den Auslauf und wieder zurück. Nicht alle ihre Stallkollegen lassen sich von der Ausgelassenheit anstecken. Einige der braun gefleckten Tiere bleiben entspannt im dicken Stroh auf der Seite liegen. Andere wühlen unablässig mit ihren Rüsseln dort, wo die Überdachung endet und der Regen die Einstreu aufweicht.
„Unsere Schweine fühlen sich wohl“, meint Jochen Kulow beim Anblick seiner bunten Lieblingstiere, Kreuzungen aus Duroc-Ebern mit Sauen, die der Kreuzung Deutsche Landrasse mit französischem Edelschwein entspringen. Im Jahr 1982 begann Kulow, den von seinem Vater konventionell bewirtschafteten Eichenhof auf bio umzustellen. Bis heute hat er mit 280 Sauen und entsprechendem Nachwuchs eine für einen Biobetrieb ungewöhnliche Größe erreicht. Kulow, der gerade auf die Fertigstellung seines neuen Maststalls wartet, wirtschaftet im geschlossenen System. In seinen Ställen verzichtet er auf Klimaanlagen, stattdessen setzt er auf Frischluft durch eine offene Bauweise.



Gut durchdachtes System


Während die älteren Stallungen auf dem Hof aus Pigports oder Unterständen mit Auslauf bestehen, ist der neue Stall mit 1.000 Endmastplätzen ein moderner Außenklimastall. Viele Lichtplatten und offene Seiten sorgen für Luft und Helligkeit. Über den mit gehäckseltem Stroh eingestreuten „Betten“, dem Rückzugsbereich der Schweine, wird eine Decke heruntergelassen, um die Temperatur zu halten. „Unsere Tiere haben drei- bis viermal so viel Platz wie die Tiere in der konventionellen Mast“, erklärt Kulow, der auch an der „Initiative Tierwohl“ und am Ringelschwanzprogramm teilnimmt. Er hält seine Schweine während der Endmast in Gruppen mit 20 Tieren. Bei der Versorgung seiner Tiere setzt Kulow, wie jeder konventionelle Landwirt, auf Futterautomaten und Nippeltränken. Das Futter für seine Tiere stammt zum größten Teil aus eigenem Anbau. Die Sauen auf dem Eichenhof werden im Abferkelstall einzeln gehalten, allerdings ohne Ferkelschutzkörbe. Sie bewegen sich mit ihren Ferkeln frei in der Bucht und müssen, um an ihr Futter zu gelangen, draußen durch den Einzelauslauf gehen. „Wir haben uns ein System mit Türen überlegt, die nur zu einer Seite aufschwingen, wenn die Sau dagegen drückt. Im Normalfall nutzt sie die Zeit draußen dann auch, um ihr Geschäft zu verrichten“, erklärt Kulow das Haltungssystem. Für den Nachwuchs gibt es kleine Ferkelklappen in den Türen, damit auch sie nach draußen können. Die momentan 15 bis 17 Prozent Ferkelverluste möchte Kulow in Zukunft noch versuchen zu reduzieren.
Mit einem Landwirt aus dem Nachbarort hat er sich vor 17 Jahren im Ackerbau „zu einem unschlagbaren Team zusammengeschlossen“, wie er selbst sagt. Die beiden bewirtschaften gemeinsam knapp 700 Hektar Ackerland und unterhalten zu diesem Zweck eine Dienstleistungs-GbR mit eigenem Fuhrpark. Insgesamt sind in dem gemeinsamen Unternehmen und auf den beiden Höfen, die weiterhin unabhängig voneinander wirtschaften, derzeit 40 Mitarbeiter beschäftigt. Der größte Teil der Flächen wird für den Anbau von Kartoffeln genutzt. Dazu kommen Getreide, Möhren, Rote Beete, Mais, Zuckerrüben und Leguminosen – alles nach biologischen Grundsätzen.
„Jeder muss bei sich selbst und im Rahmen seiner Möglichkeiten anfangen, etwas für die Umwelt zu tun“, ist Kulows Devise. Der 60-jährige, studierte Landwirt war immer schon ein Rebell, der sich in seinem Landkreis Lüchow-Dannenberg besonders vehement gegen den Standort Gorleben als Atommülllager engagierte.


Jedes Abteil ist aufgeteilt in einen Ruhebereich mit senkbarer Decke, einen Abschnitt mit Spaltenboden und einen Auslauf.

Jedes Abteil ist aufgeteilt in einen Ruhebereich mit senkbarer Decke, einen Abschnitt mit Spaltenboden und einen Auslauf.


Pläne für die Zukunft


Aktuell plant Kulow ein neues Projekt. Er will seine vor zwei Jahren gegründete „Fleischwaren Manufaktur“ um eine eigene Schlachterei erweitern. Im Moment arbeiten er und seine Partnerin Christin Klaus mit einer Biolandschlachterei zusammen und verkaufen Räucherwaren, Frischfleisch, Bratwurst und Wurst im Glas an 20 Bioläden im Umkreis von 100 Kilometern um den Betrieb.
„Dafür schlachten wir aber pro Woche im Augenblick nur zwei bis drei Schweine“, sagt Kulow. Hauptabnehmer seiner Schweine ist eine Fleisch- und Wurstfabrik im benachbarten Mecklenburg-Vorpommern mit einer großen Biopalette, deren Produkte bundesweit an Naturkost-Großhändler und den Lebensmitteleinzelhandel vermarktet werden.

Obwohl Jochen Kulow im Bereich Tierwohl gern Pionierarbeit leistet, sieht er manche Entwicklungen kritisch. „Dass wir irgendwann Eber mästen, halte ich für völlig ausgeschlossen“, macht er deutlich. Wie auf Biobetrieben üblich, werden seine Ferkel für die Kastration betäubt. „Ich würde zukünftig gerne die Immunokastration einsetzen, aber leider findet diese Methode in der Gesellschaft bisher wenig Zustimmung“. Aber wer weiß - vielleicht wagen seine Söhne, die beide auf dem Hof mitarbeiten und ihn später übernehmen wollen, diesen Schritt, wenn die Zeit dazu gekommen ist.


Friederike Husmann