Landstern – Nominiert in der Kategorie „Stark für die Landwirtschaft“

Hellgrüne Happen



Das Auge isst mit

Der Anbau von Sonderkulturen ist für einen Gemüsebaubetrieb eigentlich nichts Ungewöhnliches. Bei Familie Cordes aus Vechta sieht das anders aus: Sie hat ihr Sortiment um eine besonders exotische Kultur erweitert.

Fröhlich blubbert das grüne Wasser in dicken Folienschläuchen vor sich hin. Es ist unglaublich hell in dem Gewächshaus mit den von der Decke hängenden, grasgrünen Schläuchen. Wer das komplett verglaste Gebäude zum ersten Mal betritt, mag sich fühlen wie in einem Science Fiction-Streifen. Was hier wächst, ist jedoch real, auch wenn es mit bloßem Auge nicht zu sehen ist. „Die Produktion von Mikroalgen ist anfangs schwer zu verstehen, da man sie erst nur als kleine Kügelchen unter dem Mikroskop erkennt“, erklärt Cathleen Cordes, die gemeinsam mit ihrer Schwester und ihrem Vater die Algenfarm führt. Cathleen ist studierte Biotechnologin und hatte die Idee, die Mikroalge Chlorella als Lebensmittel groß rauszubringen. Ihr Vater, Gartenbauingenieur Rudolf Cordes, tüftelt neben seinem laufenden Gemüsebaubetrieb schon seit zwanzig Jahren an der Kultivierung der Alge.



System selbst erfunden


„Als Kinder standen wir häufig daneben, wenn er sich sonntags angeschaut hat, wie die Algen in den von ihm entwickelten Systemen wachsen“, erinnert sich Cathleen, deren Schwester Caroline den Gemüsebaubetrieb des Vaters irgendwann übernehmen wird. Die 30-jährige Cathleen kümmert sich als Geschäftsführerin ihres Start-Ups Evergreen-Food vor allem um Produktentwicklung, Marketing und Vertrieb. Vor fünf Jahren sind Cordes intensiv in die Produktion und die Vermarktung der Chlorella-Algen eingestiegen. Unter der Marke „Lüttge“ werden sie als Nahrungsergänzungsmittel in Pulver- und Kapselform, aber auch als Lebensmittel verkauft. Von der Entstehung im Labor über die Kultivierung der Alge bis zu Verpackung und Versand findet alles am Standort in Großenkneten im Landkreis Oldenburg statt. Der Inhalt der Folienschläuche ist für den Laien nichts anderes als grün gefärbtes Wasser. „Starterkultur“ nennt Cathleen Cordes die Algen an dieser Station. „Gefüttert“ werden sie mit einer pflanzlichen Nährlösung. „Die gewachsenen Starterkulturen gehen in die Massenproduktion, indem sie in große, flache Becken mit einem Fassungsvermögen von rund 30.000 Litern umgefüllt werden.“ In den Gewächshäusern mit den Becken geht es sehr sauber zu. Um sie vor Verschmutzungen zu schützen, sind die Becken mit einer Schutzfolie abgedeckt. Die Hygienebestimmungen ähneln denen im Schweinestall. „Falsche Algen und Fressfeinde, die wir oft nur unter dem Mikroskop erkennen, zerstören die ganze Kultur“, warnt Caroline Cordes. Ein Apparat mit zwei Armen durchmischt die Algenkultur ständig. Kontinuierlich können die Algen, die eine Konsistenz wie Zahnpasta besitzen, aus den Becken geerntet werden. Die dunkelgrüne Paste mit einem Wasseranteil von etwa 20 Prozent wird getrocknet, zu Pulver vermahlen und zum Teil weiterverarbeitet. „Wir haben mehrere Landwirte, die mit uns zusammenarbeiten. Sie bekommen die Starterkulturen für ihre Becken, ernten die Algen, trocknen sie und bringen sie uns in Form von trockenen Chips zurück“, erklärt Caroline Cordes die Vorgehensweise. Rund 25 Tonnen Algen können jährlich von einem Hektar Land geerntet werden. Sie dienen auch als Zusatz für Tierfutter. Als „Wohltäter für die Umwelt“ bezeichnet Cathleen Cordes ihre Algen stolz, denn sie können den Kohlendioxid-Gehalt um ein Vielfaches reduzieren.


Essen mal anders: Algenperlen gibt es in den Geschmacksrichtungen „Balsamico“ und „Heidelbeere“.

Essen mal anders: Algenperlen gibt es in den Geschmacksrichtungen „Balsamico“ und „Heidelbeere“.


Modern Kochen mit Algen


Die Chlorella-Alge der Familie Cordes wurde europaweit als erste ihrer Art bio-zertifiziert. Vor sieben Jahren musste sich die Zertifizierungsstelle erstmalig mit ihr beschäftigen. „Es gab bis dahin noch gar keine Richtlinien für die Bio-Produktion von Algen“, erklärt Cathleen Cordes lachend. Jetzt sind die Algen der Familie Cordes eine ernstzunehmende Konkurrenz für asiatische Importwaren. Weil sie die Inhaltstoffe der Chlorella zu schätzen weiß, wollte Cathleen Cordes sie auch für die gehobene Küche anbieten. Im Internet vermarktet sie deshalb auch Algen-Öl und Algenperlen mit Balsamico- oder Heidelbeergeschmack. Die glänzenden, dunklen Perlen sehen edlem Kaviar zum Verwechseln ähnlich, durch Zugabe von Zi­trus­früchten oder Saft neutralisiert sich ihr Geschmack fast vollständig. „Ich hatte mal Lust auf was anderes und habe beim Brotbacken einfach Algenpulver zugegeben. Das Brot war dann grün, schmeckte aber eigentlich wie immer“, sagt Cathleen Cordes. In Reformhäusern ist die Chlorella schon lange kein Geheimtipp mehr, sondern gilt als echtes „Superfood“. „Sie besteht zu 60 Prozent aus hochwertigem Eiweiß, enthält alle essentiellen Aminosäuren und ist eine Quelle für pflanzliches Vitamin B12 und Eisen“, beschreibt Cathleen Cordes die Alge, die auch reich an Chlorophyll und Omega-3-Fettsäuren sein soll. Die Algenproduktion möchte Familie Cordes in den nächsten Jahren noch erweitern. Warum, weiß Cathleen Cordes genau. „Die Nachfrage ist da und es gibt viele verschiedene Algenarten. Wir suchen immer noch Landwirte, die mit uns produzieren möchten.“


Friederike Husmann
Die Schwestern Cathleen und Caroline Cordes in einem der Gewächshäuser. In transparenten Schläuchen wachsen die Algen.

Die Schwestern Cathleen und Caroline Cordes in einem der Gewächshäuser. In transparenten Schläuchen wachsen die Algen.